Regina Schmeken – Fotografie
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„Die neue Mitte“

Fotografien 1989–2000
mit Texten von Julian Nida-Rürnelin,
Carla Schulz-Hoffmann und Tilman Spengler
Geb., 24 × 32 cm, 176 Seiten, 85 Fotografien in schwarz-weiß Duoton

Knesebeck Verlag, Sept. 2001
Preis € 68,–

 

Bild: Die Neue Mitte

 

 „An der Mitte kommt niemand vorbei“
Tilman Spengler
 

Zwischen Nero und Vespasian muss sie wohl liegen – die vielzitierte „Neue Mitte“. Auf dem Umschlag von Regina Schmekens Bild- und Textband zum Nachwende-Deutschland klafft zwischen den Gipsbüsten des vergnügungssüchtigen Brandstifters und des knauserigen Realpolitikers unter den römischen Imperatoren eine dunkle, ahnungsvolle Lücke.

Beim Durchblättern des Bandes füllt sich diese mit Assoziationen, Querverweisen und Wegmarken. Einfache, gar staatstragende Antworten darf man von der Fotografin nicht erwarten. Sie entwirft die Topographie der Welt nach dem Kalten Krieg als Panoptikum von Eitelkeiten, Schicksalen und Showeinlagen. Peter Handkes Dichterhaupt nach einem Vortrag zu Serbiens Ehrenrettung findet sich zwischen Bildern aus Bosnien und dem Kosovo; Sir Norman Fosters Reichstagskuppel neben einem Jahrmarktskarussell. Diese manchmal fast kalauernden Zusammenstellungen sind vergnüglich, unterwerfen aber die Bilder einem Härtetest. Sie bewähren sich, denn Schmeken hat ein hochfeines Gespür für die Balance zwischen Ernst und Witz.

Die neue Mitte ist als sprachliche Hohlform die perfekte politische Parole.

Dass Regina Schmeken das Kunststück gelingt, daraus einen klugen Essay zur Weltlage zu drechseln, hat weniger mit den Texteinsprengseln von Nida-Rümelin bis Szczypiorski zu tun, als mit der Weite ihres Ansatzes. Sie bezieht Bilder aus Europa und der Welt ein, zeigt Stillleben, Landschaften und Interieurs, um den Machtpantomimen der Berliner Republik auf die Schliche zu kommen. Wenn auf dem Kölner GI-Treffen Gerhard Schröder schwungvoll-strahlend wie ein Sonnenkönig Kollege Bill Clinton zum gemeinsamen Pas de Deux der Weltenlenker bittet, dann mag man wieder an die Bescheidenheit des alten Vespasian denken. Der begnadete Sanierer der Staatsfinanzen – und Erfinder einer Steuer für öffentliche Bedürfnisanstalten – seufzte erst auf dem Totenbett: „Weh mir, ich glaube ich werde ein Gott“.

Tim Sommer

(Besprechung des Buches in der Kunstzeitschrift „art“, als Empfehlung des Monats November 2001)

 
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